Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. 
 
Proposal

German Sadulajew, 1973 als Sohn einer Russin und eines Tschetschenen im Dorf Schali in der Tschetschenisch-inguschetischen Autonomen Republik geboren, hat in verschiedenen Teilen Russlands u.a. auf dem Bau, in einem vegetarischen Restaurant und bei einer indischen Tabakkompanie gearbeitet. Er hat ein Jurastudium an der Universität von St. Petersburg absolviert und arbeitet heute dort als Rechtsanwalt. Von Kindheit an hat Sadulajew Gedichte geschrieben, dann Songs für eine Band, und in den letzten Jahren mehrere Erzählungen und Novellen. Noch vor dem Erstdruck in der Zeitschrift Snamja kursierte sein erster Roman in Künstlerkreisen und wurde schon fürs Theater adaptiert. Im Frühjahr 2006 erscheint das Buch im Verlag Ultra.Kultura.

Jedes Jahr im Frühling kamen die Schwalben nach Schali. Sie kehrten dorthin zurück, wo sie geboren waren, und ihrem Zug lag keine andere Logik zugrunde als die der Liebe. Ein Schwalbennest unter dem Dach bedeutete Glück und Segen für ein Haus, deshalb wartete jeder auf sie. Und selbst die Katzen, die so gerne auf Vogeljagd gehen, rührten die Schwalben nicht an. Aber in diesem Frühjahr irrten die Vogelschwärme wie wahnsinnig zwischen den Ruinen umher und stießen lang gezogene, klägliche und untröstliche Schreie aus. Ornithologen würden behaupten, dass sei unmöglich, doch die Schwalben flogen zurück in ihr Winterquartier, denn in diesem Land war keine Liebe geblieben, nur der Tod.

Sadulajews Roman ist der erste literarische Versuch, die tschetschenische Tragödie aus dem Inneren heraus zu begreifen. „Dies sind keine Kriegserinnerungen, sondern eine Vergegenwärtigung des Krieges mit poetischen Mitteln – hart, schrecklich, aufrichtig, aber auch großmütig und nie in Nationalismus abgleitend. Die eine wie die andere Seite verstehen wollend, aber auch in ihre Schranken weisend. Präzise Metaphern, die ins Bewusstsein schneiden … Ein literarisches, aber auch ein politisches Ereignis, mit absolut hypnotischer Wirkung.“ (Wsgljad)

Ab und an taucht der Krieg in Tschetschenien noch in den Nachrichten auf, doch wir wissen kaum etwas über dieses kleine Volk, das den Plänen des Kremls zufolge ausradiert werden soll. Das Wort „Nochtschi“ (Tschetschene) bedeutet einfach nur „Mensch“. Seit Tausenden von Jahren siedelten sich im Kaukasus immer neue Völker an, die Sumerer, Huriter, Chasaren, Polwzer, Petschenegen, semitische und noch vor ihnen arische Volksstämme. Die kaukasischen Berge sind zu einem zweiten Babylon geworden. Doch während im alten Babel bei aller Sprachverwirrung ein Turmbau bis zum Himmel in Angriff genommen wurde, haben die vielen Stämme im Kaukasus zu einer gemeinsamen Sprache gefunden und dennoch jeder seinen eigenen Turm errichtet. Und obwohl sie über die Jahrhunderte immer wieder georgische, russische, ossetische Frauen heirateten, galt in der Abstammung stets das Vaterprinzip. Auf diese Weise haben die Clans ihre Identität bewahrt – bis der Krieg anfing, der „bis zum letzten Tschetschenen“ (so ein Eintrag im russischen Wörterbuch des Unmenschen) geführt werden soll. Erst der Krieg hat die Bergvölker zu einer Nation gemacht. „Die Russen sind unsere letzte Hoffnung. Sie zwingen uns, Tschetschenen und Männer zu sein, denn jeder Tschetschene ist für sie ein Separatist, ein Feind.“

German Sadulajew nennt sein Buch einen Roman in Splittern. Schließlich explodieren in seiner Heimat Itschkeria (so nennen die Tschetschenen selbst ihr Land) trotz der Versicherung Putins, der Krieg sei zu Ende, weiterhin die Splitterbomben. Außerdem ist die Schreibweise selbst fragmentarisch, sammelt die Splitter eines Bewusstseins auf, dem es schaudert angesichts der Ungeheuerlichkeiten dieses Krieges. Poetische Miniaturen – Erinnerungen aus der Kindheit oder Porträts seiner Landsleute – wechseln ab mit Skizzen aus dem Krieg, historischen Exkursen und Anrufungen einer ganz eigenen tschetschenischen Mythologie.

Sadulajew schreibt über die Erde, die vom Krieg vergewaltigt wird; über Russland, das gegen die Berge kämpft, die so schwer zu besiegen sind, und wenn das irgendwann gelingen sollte, dann existierte der Stolz der Berge nicht mehr, nur noch die Große Steppe ohne Anfang und Ende. Er schreibt über die tschetschenischen Frauen; nur sie können den tödlichen Kreislauf der Blutrache unter den Männern beenden, indem sie ihre Haare lösen und ihre Kopftücher zwischen die Gegner werfen. Die ersten russischen Soldaten haben sie noch mit Blumen zu besänftigen versucht, und als die ersten Massaker in den Dörfern drohten, haben sie ihre Tücher auch vor die Panzer geworfen, aber die Russen kannten diese tschetschenische Tradition nicht. Daraufhin sind die Frauen nachhause gegangen, und aus den Häusern traten ihre Söhne, zwölfjährige Jungs, mit Molotow-Cocktails in der Hand.

Sadulajew schreibt über den harmlosen Verrückten Dangi, der so gerne Totenfeiern besuchte, wo er sich den Bauch vollschlagen konnte. Eines Tages machte er sich auf in den Nachbarort Samaschki, wo es bald viele Begräbnisse geben würde. Woher wusste er, dass in Samaschki zu dieser Zeit Hunderte von alten Menschen, Frauen und Kindern umgebracht wurden? Doch zum Leichenschmaus hat Dangi es nicht mehr geschafft; am Orteingang wurde er von den russischen Einheiten aufgegriffen und zu Tode gefoltert.

Sadulajew schreibt über ein Mädchen, das von einer Nadel aus einer Splitterbombe im Herzen getroffen wurde, und über den tschetschenischen Chirurgen, der diese Nadel herausoperiert hat. Auf welchem internationalen Ärztekongress könnte er von dieser beispiellosen Operation berichten? Nirgendwo, denn diese Splitterbomben sind nach der Genfer Konvention verboten – und folglich setzt Russland sie natürlich auch nicht ein.

Er schreibt von den jungen russischen Soldaten, die aus dem Tschetschenienkrieg heimkommen und nicht mehr ins zivile Leben zurückfinden, die sich mit Alkohol oder Drogen betäuben und nicht selten den Freitod wählen. 

Und Sadulajew schreibt darüber, wie schwer es ist, ein Tschetschene zu sein. „Wenn du ein Tschetschene bist, musst du deinem Feind, der an deine Tür klopft, zu essen und eine Unterkunft für die Nacht anbieten; du musst ohne nachzudenken bereit sein, für den Ruf eines Mädchens zu sterben; du musst deinen Blutfeind töten, mit einem Dolch, den du ihm in Brust rammst, denn du darfst ihn niemals in den Rücken schießen; du musst deinen Wagen verlassen, um einen alten Mann auf der Straße zu begrüßen; du darfst niemals weglaufen, auch wenn du tausend Gegnern gegenüberstehst. Und du darfst niemals weinen, egal was geschieht. Wenn die Geliebte dich verlässt, die Armut dein Haus zerstört, wenn in deinen Armen deine Freunde verbluten, dann darfst du nicht weinen – wenn du ein Tschetschene, ein Mann bist. Nur einmal im Leben darfst du weinen: wenn deine Mutter stirbt.“ 

Sadulajews Roman wird von einem inneren, psychologischen Sujet zusammengehalten: der Wahl zwischen Heimat und Rettung, zwischen Liebe und Leben. Und der Erzähler hat seine Wahl getroffen, er ist fortgegangen, weil er sich keiner Seite in diesem Krieg anschließen konnte, und lebt jetzt in einem Land, wo den Mädchen der Weizen auf dem Kopf wächst, wo man nicht gleich heiraten muss, wenn man die Hand einer Frau hält. „Wir haben immer geträumt von den Mädchen mit weizenblonden Haaren. Und jetzt haben wir sie. Aber wo ist das Glück?“

Man kann sich vom Krieg nicht distanzieren. Keine Opferzahlen können die Beichte eines Mannes aufwiegen, der seine Heimat verloren hat und gezwungen ist, in einer fremden Welt zu leben, wissend, dass die Jagd noch nicht zu Ende ist. Neutralität und Objektivität zu bewahren, wird einem unmöglich gemacht, wenn man in Russland keinen Wohnsitz anmelden kann, wenn man ständig als „Schwarzarsch“ beleidigt und als Terrorist und Bandit verdächtigt wird, nur weil man in Tschetschenien geboren ist. Wer die Schrecken des Krieges erlebt hat, kann kein normales Leben mehr führen. Und auch wenn es schwer ist, ein Tschetschene zu sein – so ist es unmöglich, kein Tschetschene zu sein.

 
 
 
<<